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Thesenpapier zur Subjektorientierten Beratung für Bildung, Beruf und Weiterbildung aus Gewerkschaftlicher Sicht

Leitideen

1. Angebot nicht Barriere. Die Anforderung über die gesamte Lebensspanne hinweg immer wieder Lernprozesse aufzunehmen, stellt alle Menschen vor die Situation, auf einem zunehmend unübersichtlichen Bildungsmarkt wiederholt Entscheidungen treffen zu müssen. Dafür sollen im öffentlichen Auftrag qualitätsvolle Beratungsleistungen angeboten werden. Aber gleichzeitig darf ein umfassendes Konzept von "lifelong guidance" nicht in anhaltende
oder strukturelle Abhängigkeiten von Beratungsexpertise führen bzw. vor dem Hintergrund eines entstehenden Marktes von Beratungsangeboten nicht jede Entscheidungssituation zu einem institutionalisierten Beratungsanlass werden müssen.

2. Freiheit von Individuen wahren. Entscheidungen von Menschen über ihre individuelle Kompetenzentwicklung sowie professionell begleitete Reflexion dieser Entwicklung müssen unter Wahrung der persönlichen Souveränität erfolgen. Arbeitsmarkt-, sozial- oder bildungspolitische Zielsetzungen sollen tatsachenbasiert Eingang in Beratungsprozesse finden, die individuelle Entscheidungsfindung aber keinsfalls determinieren oder überstimmen. Demgemäß wären etwa Berufs- oder BIldungsberatung und Arbeitsvermittlung aufgrund der unterschiedlichen Aufträge nicht zwangsläufig institutionell aber systemisch
gesehen entkoppelt umzusetzen.

3. Übersichtlichkeit und Verlässlichkeit. Zu Recht wird im Zusammenhang mit Information, Beratung und Orientierung für Bildung und Beruf von einer breiten Palette von Leistungen gesprochen. Aber dennoch bedarf es im Sinne von Transparenz, Übersichtlichkeit und Qualitätssicherung durchgängig begründeter und professioneller Angebote. Dies ist für Ratsuchende ebenso wie die Fördergeber bzw. Financiers von hoher Bedeutung.

Zielsetzungen von Beratung

4. Aktivierung statt Befundung. Eine am individuellen Ratsuchenden ausgerichtete Beratung für Bildung und Beruf darf sich nicht auf eignungsdiagnostische Funktionen reduzieren. Wenn diese sich darauf begnügen sollte, so lässt sie nicht nur Entwicklungspotenziale der Ratsuchen liegen, sondern wirkt vom Grunde her der eigentlichen Zielsetzung von motivierender und aktivierender Bildungsberatung entgegen.

5. Unabhängigkeit als Anspruch. Öffentlich verantwortete und/oder finanzierte Beratungsleistungen im Zusammenhang mit Bildungs- oder Berufsentscheidungen müssen durchgängig dem Anspruch der Unabhängigkeit bzw. Neutralität gegenüber Bildungsanbietern und -angeboten genügen. Dafür ist für das jeweils gewählte Geschäftsmodell der Beratungsleistung durch den Beratungsanbieter Nachweis zu führen.

6. Nichtdiskriminierend und stärkenorientiert. Beratung hat in ihrer Konzeption sowie ihren Ausprägungen durchgängig darauf zu achten, nicht zu stigmatisieren sowie zu Thesenpapier Konferenz Weimar Schlögl Peter, öibf GEW, ÖGB, ZNP in Kooperation mit öibf und bfw 2 diskriminieren. Dies muss mögliche Benachteiligungen auf Grund von ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität betreffen und die Verhinderung etwaiger Diskriminierungen muss auf individueller und struktureller Ebene aktiv angestrebt werden. Damit eng  verbunden ist auch, dass Beratung nicht defizitorientiert ausgerichtet sein soll, sondern an den vorhandenen Ressourcen der ratsuchenden Person anknüpft und bei deren Weiterentwicklung unterstützend wirkt.

Gelingensfaktoren

7. Nachhaltige Strukturen etablieren. Um diesen weitreichenden Ansprüchen genügen zu können, bedarf es einer langfristig planbaren und damit nachhaltigen Entwicklung von Beratungsangeboten. Dies zumindest aus zwei zentralen Gründen. Zunächst hinsichtlich der Sichtbarkeit und Verlässlichkeit für Beratungssuchende. Und weiters bezüglich der Etablierung einer attraktiven und nachhaltigen Beschäftungssituation für professionelle Beraterinnen und Berater.

8. Tatsachenbasierung statt Fortschreibung von gesellschaftlichen Mustern. Die Entwicklung und professionelle Umsetzung von Beratungsleistungen bedarf einer Einbettung in die und eines laufenden Dialogs mit Beratungswissenschaften, Lehr- Lernforschung, Arbeitswissenschaften sowie weiterer Bezugsdisziplinen. Gleichzeitig braucht es einen strukturierten Dialog innerhalb der Berufspraxisgemeinschaft der Beraterinnen und Berater, um eine professionelle Weiterentwicklung der Beratungsangebote und -leistungen zu ermöglichen.

9. Beraterinnen und Berater als Schlüsselpersonen stärken. Wie bei allen persönlichen Dienstleistungen liegt der wohl erfolgskritischste Aspekt für gelungene Beratungsprozesse in der Motivation und professionellen Handlungsfähigkeit der Beraterinnen und Berater sowie den konkreten Bedingungen von Beratungprozessen (Dauer, räumliche Situation, Auftragsklärung u.a.). Umfassende Qualifizierung und die fachliche und persönliche Weiterentwicklung des Beratungspersonals stellt hierfür eine notwendige Vorausetzung dar und braucht klare und attraktive Rahmenbedingungen.

10. Qualitätsentwicklung und -sicherung. Die zahlreichen Entwicklungsnotwendigkeiten auf politischer, institutioneller, angebotsmäßiger sowie qualifikatorischer Ebene bedürfen konsequenter Beobachtung und laufender Maßnahmen. Hierbei können Instrumente des Qualitätsmanagments sowie der externen Qualitätssicherung gute Dienste leisten. Institutionenübergreifende und breit akzeptierte Kriterien gelungener Beratungspraxis und unabhängige Begutachtung der Zielerreichung wären systematisch zu etablieren.

Alle Themen zu neutraler Beratung wurden in der Konferenz in Weimar vom 3.-5. November diskutiert. Die Diskussionsbeiträge finden Sie hier.

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Dieses Projekt (Projektnummer: 190387-LLP-1-2010-1-DE-KA1-KA1ECETB) wird aus den Gemeinschaftsmitteln der Europäischen Union finanziert.

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